HomeDie therapeutische Apherese: Moderne Wege der gezielten BlutreinigungAllgemeinDie therapeutische Apherese: Moderne Wege der gezielten Blutreinigung

Die therapeutische Apherese: Moderne Wege der gezielten Blutreinigung

Die therapeutische Apherese in Hamburg

Das Wort „Apherese“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet wörtlich „Entfernung“ oder „Abtrennung“. In der modernen Medizin beschreibt es ein hochentwickeltes extrakorporales Verfahren, bei dem gezielt krankheitserregende Bestandteile, Proteine oder Umweltgifte aus dem Blutplasma herausgefiltert werden, während die gesunden Blutbestandteile wieder in den Körper zurückfließen.

Im Gegensatz zur klassischen Dialyse, die primär wasserlösliche, nierenpflichtige Substanzen filtert, setzt die Apherese an einem völlig anderen Punkt an: Sie befreit das Plasma von großmolekularen Schadstoffen, Autoantikörpern und toxischen Belastungen.

Die verschiedenen Apherese-Verfahren im Überblick

Je nach Krankheitsbild kommen heute hochspezialisierte physikalische und immunologische Filtersysteme zum Einsatz:

  • Plasmaaustausch / Plasmaseparation (PLEX): Das Plasma wird vollständig von den zellulären Blutbestandteilen (rote Blutkörperchen, Blutplätchen und Immunzellen) getrennt und verworfen. Als Ersatz dient eine Spenderplasmalösung oder Humanalbumin und Elektrolytlösung. Dieses Verfahren wirkt unselektiv und entfernt großflächig Entzündungsfaktoren, Viskositätsträger und Autoantikörper.
  • Immunadsorption (IA) / Immunapherese: Das Plasma fließt über spezielle Adsorberkolonnen, welche gezielt Immunglobuline und Immunkomplexe binden und eliminieren, während wichtige Proteine wie Albumin, Gerinnungsfaktoren uvm. verbleiben.
  • Hämoperfusion: Hierbei wird das Vollblut direkt über ein Adsorberbett geleitet. Es dient primär der Eliminierung bestimmter Toxine oder Medikamentenüberdosierungen.
  • Umweltapheresen wie INUS-Apherese® & Toxapherese® (Doppelmembran-Filtration): Bei diesen Verfahren handelt es sich um geschützte Markennamen. Diese selektiven Membranfiltrationsverfahren reinigen das Plasma über zwei aufeinanderfolgende Filterstufen. Sie sind speziell darauf ausgelegt, chronische Umweltgifte, Schwermetalle, Lösemittelrückstände (Toluole, PCB uvm) und entzündliche Stoffwechselprodukte effektiv aus dem Gewebe und Blutkreislauf zu mobilisieren und auszuleiten.
  • H.E.L.P.-Apherese: Ein weiteres Verfahren ist die Heparin-induzierte extrakorporale Lipoprotein-/Fibrinogen-Präzipitation, welche vor allem zur drastischen Senkung von Cholesterin und Fibrinogen bei schweren Durchblutungsstörungen verwendet wird.

Indikationen und Evidenz: Wann hilft die Apherese?

Die medizinische Notwendigkeit und der Empfehlungsstatus von Apheresebehandlungen orientieren sich streng an nationalen und internationalen Leitlinien. Die Indikationen lassen sich in folgende wissenschaftliche Kategorien einteilen:

Kategorie 1: Standard- und Erstlinientherapie (1A / 2A Empfehlungen)

In diese Kategorie fallen akut lebensbedrohliche oder chronisch schwere Erkrankungen, bei denen die Apherese als etablierter Behandlungsstandard gilt:

  • Neurologische Erkrankungen: Guillain-Barré-Syndrom, Chronisch inflammatorische demyelinisierende Polyneuropathie, schwere Schübe der Multiplen Sklerose oder Myasthenia gravis.
  • Stoffwechselerkrankungen: Familiäre Hypercholesterinämie oder extreme Erhöhungen von Lipoprotein(a) bei progressiver kardiovaskulärer Erkrankung.
  • Hyperviskositätssyndrom: Bei extremer Eindickung des Blutes dient die rasche Plasmaseparation zur akuten Verhinderung von Gefäßverschlüssen und Organschäden.

Kategorie 2: Zweitlinientherapie und erweiterte Evidenz (B-Empfehlungen)

Hier wird die Apherese supportiv eingesetzt, wenn medikamentöse Basistherapien versagen oder nicht ausreichen:

  • Idiopathische dilatative Kardiomyopathie: Bei dieser Form der Herzmuskelschwäche lassen sich häufig herzschädigende Autoantikörper nachweisen. Die Entfernung mittels Immunadsorption kann die Herzfunktion stabilisieren.
  • Rheumatologische Erkrankungen: Schwere Formen des Lupus erythematodes oder therapierefraktäre rheumatoide Arthritis.
  • PANS / PANDAS: Bei pädiatrischen, akut einsetzenden neuropsychiatrischen Syndromen zeigt die Plasmaseparation oder Immunadsorption gute Erfolge in der klinischen Praxis.

Kategorie 3: Post-infektiöse Syndrome & unklare neurologische Manifestationen

  • Post-infektiöse Syndrome: Die Datenlage zu Post-COVID, Long-COVID oder dem Post-Vac-Syndrom befindet sich im Wandel. Bei klarem Nachweis von Autoantikörpern verweisen Leitlinien auf den therapeutischen Versuch mittels Apherese, welcher in der Praxis oft Linderungen der Symptomlast zeigt.
  • Paraneoplastische und unklare neurologische Syndrome: Wenn das Immunsystem fälschlicherweise Nervengewebe angreift, hilft die Apherese, die fehlgeleiteten Antikörper rasch aus dem Kreislauf zu eliminieren.

Kategorie 4: Individuelle Heilversuche (Ultima Ratio)

Bestehen schwerste chronische Erkrankungen, therapierefraktäre Syndrome unklarer Genese oder besteht der klinische Verdacht einer Intoxikation für die es noch keine großflächigen Leitlinien-Empfehlungen gibt, bleibt die Apherese eine Option im Rahmen eines individuellen Heilversuchs nach gründlicher Risiko-Nutzen-Abwägung. Im Anschluss der Therapie kann das gefilterte Plasma („Eluat“) zur weiterführenden toxikologisch/immunologischen Analyse herangezogen werden.

Sonderform: Die Granulozyten-/Monozyten-Adsorption (GMA)

Die Granulozyten-/Monozyten-Adsorption nimmt eine Sonderstellung ein. Über eine spezialisierte Adsorberkolonne werden überaktivierte Granulozyten, Monozyten und Makrophagen aus dem Vollblut gebunden. Das Verfahren reguliert das Zytokinprofil herunter und unterbricht Entzündungskaskaden ohne chemische Immunsuppression.

Indikationsspektrum der GMA

  • Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen: Colitis ulcerosa (steroidrefraktär) und Morbus Crohn.
  • Dermatologische Erkrankungen: Psoriasis pustulosa, Pyoderma gangraenosum, Sweet Syndrom
  • Rheumatologische Erkrankungen: Therapierefraktäre Rheumatoide Arthritis, Psoriasis-Arthritis, Morbus Behçet.
  • Seltene Indikationen (Case Reports): ANCA-assoziierte Vaskulitiden, schwere Graft-versus-Host-Disease mit Darmbeteiligung.

Unser therapeutischer Ansatz in der Praxis Dr. Simsek

In unserer Praxis Dr. Simsek bieten wir bis auf die H.E.L.P.-Apherese alle genannten Apherese-Verfahren sowie die GMA-Apherese an. Wir setzen die Verfahren individuell ein und kombinieren sie bei Bedarf mit Hyperthermie, Ozontherapie oder Hyperoxygenierung, um den therapeutischen Effekt zu maximieren. In den meisten Fällen können wir die Therapie über zwei Zugänge an den Armen durchführen, nach individueller Abwägung und Indikation führen wir sie auch in Sedierung (Dämmerschlaf) durch.

Literatur

International Working Group on GMA: Clinical efficacy of granulocyte and monocyte adsorptive apheresis in immune-mediated inflammatory diseases: Systematic reviews and case reports.

Deutsche Gesellschaft für Nephrologie (DGfN): Leitlinien zur therapeutischen Apherese. Nephrologie aktuell, revidierte Fassung.

American Society for Apheresis (ASFA): Guidelines on the Use of Therapeutic Apheresis in Clinical Practice – Evidence-Based Approach. Journal of Clinical Apheresis.

Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN): Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie (Immunmodulation und Apherese-Verfahren).

AWMF-Leitlinie: S1-Leitlinie Long-/Post-COVID-Syndrom, aktuelle Empfehlungen zu experimentellen und autoimmunbasierten Ansätzen.