Demenz: Ursachen erkennen, Risikofaktoren verstehen und gezielt behandeln
Rund 1,5 Mio. Menschen in Deutschland leben mit Demenz – Tendenz steigend. Frühe Diagnose und eine strukturierte Ursachensuche und Behandlung können den Verlauf verlangsamen und Lebensqualität sichern.
Woran erkennt man eine Demenz?
Definition: Erworbene Störung von Gedächtnis und mindestens einer weiteren kognitiven Funktion (z. B. Orientierung, Sprache, Willkürmotorik/Apraxie, Objekterkennung), die länger als 6 Monate besteht und den Alltag spürbar erschwert.
Bei lediglicher Einschränkung der Gedächtnisleistung sprechen wir von einer leichten kognitiven Beeinträchtigung (MCI).
Bei ersten Anzeichen lohnt sich die internistisch-neurologische Abklärung – denn auch Depression, Medikamente oder ein Delir können ähnliche Symptome verursachen. Zudem entwickelt ein relevanter Anteil der Betroffenen in den Folgejahren eine manifeste Demenz.
Welche Formen der Demenz gibt es?
Klassischerweise wird Demenz in primäre (≈ 90 %) und sekundäre (≈ 10 %) Formen eingeteilt.
Zu den primären Formen zählen unter anderem:
- Morbus Alzheimer (ca. 50 %)
- Lewy-Body-Demenz
- vaskuläre Demenz
- frontotemporale Demenz
Wir halten diese einfache Einteilung in Schubladen für nicht mehr zeitgemäß – denn bei vielen Formen können beeinflussbare Faktoren früh erkannt und adressiert werden.
Erweiterte Abklärung: unser Ansatz
Im Alltag sehen wir, dass viele Betroffene nicht ausreichend abgeklärt sind.
Häufig steht beispielsweise im cMRT „Mikroangiopathie“ – ein Zeichen einer kleinen Gefäßerkrankung bzw. frühen vaskulären Beteiligung –, ohne dass mögliche Risiken anschließend konsequent abgeklärt werden.
Unser Fokus liegt deshalb auf einer tiefergehenden Ursachensuche und einem gezielten Management möglicher Einflussfaktoren.
Stoffwechsel
(Unerkannter) Diabetes mellitus
Der HbA1c allein greift oft zu kurz. Sinnvoll sind ergänzend der HOMA-Index aus Nüchternglukose und Nüchterninsulin sowie gegebenenfalls Proinsulin und C-Peptid, um prädiabetische Zustände besser erfassen zu können.
Zusätzlich kann die kontinuierliche Glukosemessung (CGM) praxisrelevante Verlaufsdaten liefern:
- GMI – geschätzte Langzeitlage
- Time-in-Range (TIR) – Anteil der Zeit im Zielbereich
- Glukosevariabilität (GV) – Schwankungsbreite
Weitere mögliche Fragestellungen betreffen eine metabolische Endotoxämie, beispielsweise im Zusammenhang mit SIBO, IMO, SIFO, Ammoniak oder D-Laktat-Azidose.
Kreislauf
(Unerkannter) Bluthochdruck
Einzelmessungen in der Praxis oder zu Hause sind nur begrenzt aussagekräftig. Klassische 24-Stunden-Blutdruckmessungen mit Manschette liefern wichtige Informationen, werden jedoch insbesondere nachts teilweise schlecht toleriert und deshalb vorzeitig abgenommen.
Wo geeignet, nutzen wir moderne langzeitfähige Systeme, unter anderem in Uhrenform, die über Tage bis Wochen Tages- und Nachtprofile ermöglichen, ohne Schlaf oder Alltag nennenswert zu beeinträchtigen.
Weitere mögliche Faktoren sind:
- mikrovaskuläre Resistenz bzw. Dysfunktion
- Hyperviskositätssyndrom – eine hämatologische Veränderung, die die zerebrale Perfusion beeinträchtigen kann
Schlaf
Ein obstruktives Schlafapnoe-Syndrom (OSAS) wird häufig übersehen und kann sowohl für die Kognition als auch für das Gefäßrisiko relevant sein.
Auch schlechter oder nicht erholsamer Schlaf sollte berücksichtigt und gegebenenfalls durch eine entsprechende Rhythmusdiagnostik weiter untersucht werden.
Medikamente und Interaktionen
Auch bestehende Medikationen und mögliche Wechselwirkungen sollten bei kognitiven Veränderungen systematisch überprüft und in die Gesamtbeurteilung einbezogen werden.
Entzündung und Immunologie
Eine Low-grade-Inflammation wird im Routinelabor mit Blutbild und Standard-CRP nicht immer zuverlässig erfasst. Daher sollte mindestens das hochsensitive CRP (hsCRP) mitbestimmt werden.
Weitere mögliche Fragestellungen umfassen:
- postinfektiöse Zustände, einschließlich CFS/ME und Post-/Long-Covid
- para- bzw. neoplastische Ursachen, beispielsweise paraneoplastische Autoimmunenzephalitiden
- Neoplasien
Endokrine Faktoren und Organfunktionen
Auch Funktionsstörungen verschiedener Organe können neurologische bzw. kognitive Symptome beeinflussen.
Hierzu gehören unter anderem:
- Hypophyse
- Schilddrüse – Hypo- oder Hyperthyreose
- Nebenniere
- Leber – hepatische Enzephalopathie
- Niere – urämische Enzephalopathie
Nährstoffe
Auch Mikronährstoffdefizite können eine Rolle spielen.
Dazu gehören unter anderem Veränderungen bei Vitaminen, Mineralien und Spurenelementen sowie mögliche Fragestellungen rund um den Omega-3-Index oder Lithium.
Mitochondrien und oxidativer Stress
Auch nitrosativer bzw. oxidativer Stress sowie sekundäre mitochondriale Funktionsstörungen können im Rahmen einer erweiterten Diagnostik berücksichtigt werden.
Dabei stehen insbesondere mögliche Zusammenhänge mit dem Energiehaushalt und der kognitiven Leistungsfähigkeit im Fokus.
Toxikologie und Umwelt
Toxische Metalle, insbesondere Blei, Kupfer, Quecksilber, Arsen und Aluminium, sollten bei entsprechender Anamnese oder Exposition gezielt abgeklärt werden.
Eine reine Serum-Bestimmung kann dabei fehlleitend sein. Je nach Element können Vollblut, 24-Stunden-Sammelurin oder eine Haarmineralanalyse aussagekräftiger sein.
In unserer Praxis finden sich nicht selten erhöhte Werte. Auffällige Resultate verifizieren wir stets im klinischen Kontext.
Auch mögliche Umweltgifte – beispielsweise Pestizide, Lösemittel wie PCE oder Mikro-/Nanoplastik – können Bestandteil einer strukturierten Expositionsanamnese sein. Bei Bedarf erfolgt eine weiterführende Untersuchung über spezialisierte Labore.
Bei deutlichen Umweltexpositionen in der Anamnese ist in Einzelfällen eine ex juvantibus-Diagnostik mittels Apherese – beispielsweise über die Untersuchung eines Apherese-Eluats – zu erwägen.
→ [Mehr über Apherese erfahren]
Unsere Haltung
Auch bei Demenz finden sich häufig Ursachen bzw. Risikofaktoren, die man erkennen und beeinflussen kann.
Eine Mikroangiopathie im MRT ist für uns kein Befund zum Abheften, sondern ein Handlungsauftrag.
Literatur
DGN e. V. & DGPPN e. V. (Hrsg.). S3-Leitlinie Demenzen, Version 5.1 (28.03.2025). AWMF-Registernummer 038-013. Verfügbar über das AWMF-Register und als Langfassung (PDF).
Butterfield DA, Boyd-Kimball D. Mitochondrial Oxidative and Nitrosative Stress and Alzheimer Disease. Antioxidants (Basel). 2020;9(9):818. doi:10.3390/antiox9090818.
Forlenza OV, Radanovic M, Talib LL, Gattaz WF. Clinical and biological effects of long-term lithium treatment in older adults with amnestic mild cognitive impairment: randomised clinical trial. Br J Psychiatry. 2019;215(5):668–674. doi:10.1192/bjp.2019.76.
Aron L, Ngian ZK, Qiu C, et al. Lithium deficiency and the onset of Alzheimer’s disease. Nature. 2025;645:712–721. doi:10.1038/s41586-025-09335-x.